Eine neue Idee elektrisiert die Energiebranche: Überschüssiger Wind- oder Solarstrom soll in Erdgas verwandelt und so gespeichert werden. Erste Tests mit der Power-to-Gas-Technik sind vielversprechend.
Bisher kam der Großteil des Erdgases über Pipelines und viele, viele tausend Kilometer nach Deutschland - aus Sibirien oder Norwegen etwa. Demnächst könnte das Erdgas direkt vor der deutschen Nordseeküste produziert werden. "Power to Gas" heißt das Verfahren, bei dem aus Windstrom per Elektrolyse Wasserstoff und in einem zweiten Schritt Methan hergestellt wird.
Das Thema elektrisiert die gesamte Energiebranche. Die Betreiber von Wind- oder Solarkraftanlagen hoffen, ihren überschüssigen Strom auf diesem Weg im Erdgasnetz speichern zu können, die Gaswirtschaft sieht darin ein neues Geschäftsmodell. Einige Testanlagen gibt es bereits, andere sind im Bau.
Noch sind diese allerdings nicht wirtschaftlich. "Hier muss nicht nur die Technologie weiterentwickelt, es müssen auch die regulatorischen Randbedingungen verbessert werden", so Christian Kutschker, Geschäftsführer der STADTWERKE KELHEIM GmbH & Co KG.
Power to Gas" soll zu einem wichtigen Element der Energiewende werden. "Wenn es gelingt, genug Anlagen zu bauen, könnte dem Erdgasnetz eine wichtige Rolle in der Energieinfrastruktur der Zukunft zukommen.
"Derzeit gibt es keine Energiespeicher, die in großem Stil einsetzbar sind", sagt Christian Kutschker. Aber genau die sind nötig, um eine stabile Stromversorgung durch Wind- und Sonnenkraftwerke sicherzustellen. Denn bei Flaute, Wolken und nachts erzeugen sie kaum Strom, bei Sturm und im Hochsommer sogar zu viel. "Für eine effiziente Versorgung müsste die überschüssige Energie gespeichert werden, um für schwächere Zeiten vorzusorgen", so die These von Christian Kutschker.
Doch im Moment passiert öfter das Gegenteil - weil das überforderte Netz den grünen Strom nicht optimal verteilen kann. Viele Windturbinen, gerade im Norden, müssen deshalb stehen bleiben: Sie dürfen ihren Strom nicht einspeisen, weil die Leitungen überfüllt sind. 150 Gigawattstunden gingen so im vergangenen Jahr verloren, schätzt der Bundesverband Windenergie. Dieses Potenzial könnte mithilfe des Erdgasnetzes aufgenommen werden, weiter genutzt oder am Ende wieder rückverstromt werden.
Während das Stromnetz oft überfüllt ist, gibt es in Deutschlands Erdgasleitungen und -speichern noch viel Platz. Schätzungsweise sind es 23 Milliarden Kubikmeter, was in etwa 230 Terawattstunden an Strom entspricht - also mehr als einem Drittel des Jahres-Stromverbrauchs in Deutschland.
Erdgas als Treibstoff
Für die Erdgasbranche gilt die neue Technik als Glücksfall, denn in den kommenden Jahren werden die Gasversorger Marktanteile verlieren: Häuser werden immer besser gedämmt, weniger Energie geht verloren. Der Bedarf an Erdgas könnte bis 2050 um etwa 50 Prozent sinken, schätzt das Bundesumweltministerium.
Umso energischer betreiben die Firmen ihre Feldforschung. Ziel ist, den Wasserstoff mit klimaschädlichem CO2 zu kombinieren. Daraus entsteht synthetisches Methan, das dem natürlichen Erdgas in seinen chemischen Eigenschaften fast völlig gleicht.
In einer Anlage in Stuttgart ist das Verfahren bereits getestet worden. Nun wollen es die Forscher vermarkten und haben ein Joint-Venture mit dem Stuttgarter Unternehmen Solarfuel gegründet. Der erste Auftrag ist bereits da: Seit Oktober baut das Start-up für den Autohersteller Audi eine Anlage im Emsland. Sie soll Strom aus vier Windrädern beziehen, diesen in Wasserstoff umwandeln und anschließend mit dem CO2 aus einer Biogasanlage zu Methan mischen. Der Betriebsstart ist für 2013 geplant - parallel zur Markteinführung des aufgerüsteten Audi A3, der auch mit Erdgas fahren soll.
"Wir wollen uns an der Treibstoffproduktion für unsere Fahrzeuge beteiligen", erläutert Audi-Pressesprecher Oliver Strohbach. "Hauptinteresse aus Konzernsicht ist, klimafreundliche Mobilität anzubieten." Aus 6,3 Megawatt Strom produziert die Anlage pro Jahr 1000 Tonnen Erdgas - genug, um 1500 Fahrzeuge je 15.000 Kilometer weit fortzubewegen. "Es ist allerdings ein Pilotprojekt. Gewinn machen wir damit in der ersten Phase nicht", sagt Strohbach.


